Dolly Alderton: Gespenster

„Wir gaukeln uns Nähe vor, bis wir sie haben, und dann gaukeln wir uns Fremdheit vor, um uns möglichst lange nah zu sein.“

Die 32-jährige Nina hat es geschafft: Sie ist eine erfolgreiche Kochbuch-Autorin und hat sich gerade eine eigene Wohnung in der Metropole London gekauft. Privat muss sie sich jedoch mit vielen der titelgebenden „Gespenster“ herumschlagen. Bis auf Single-Freundin Lola sind alle ihre Freundinnen vergeben, bekommen Kinder und ziehen aufs Land – man trifft sich nur noch auf Geburtstagen und Hochzeiten. Ninas geliebter Vater erkrankt an Demenz, sein Gedächtnis verabschiedet sich nach und nach, während die Mutter sich noch einmal neu erfindet. Und auch Max, den sie von einer Dating-App kennt und der ihr Herz im Sturm erobert, verschwindet plötzlich wieder aus ihrem Leben – er ghostet sie. Doch so leicht lässt sich Nina nicht unterkriegen und erkennt, dass das wahre Glück nicht in einem Partner zu finden ist, sondern zunächst einmal in sich selbst.

„Gespenster“, der ehrliche und unfassbar witzige Debütroman der Journalistin Dolly Alderton, erzählt eine authentische Geschichte über das Frausein von heute. Dabei beschäftigt sich die Autorin mit moderner Liebe in all ihren Facetten: Wie fühlt man sich als Singlefrau Anfang 30? Wie findet man die Liebe im digitalen Zeitalter? Wie erhält man Freundschaften, auch wenn man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt? Wie verändert sich die Beziehung zu den eigenen Eltern, wenn diese älter werden und die Rollen beginnen, sich umzukehren?

„Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder erwachsene Mensch auf dieser Welt auf einer Bank sitzt und darauf wartet, von seinen Eltern abgeholt zu werden, ob ihm das bewusst ist oder nicht. Ich glaube, wir warten bis zu unserem Todestag.“

Alderton erweist sich als messerscharfe Beobachterin, die sich nicht scheut, den Finger auf die Wunde zu legen. Das Ganze verpackt sie jedoch urkomisch und mit so viel Selbstironie, dass man oftmals schmunzeln muss. Obwohl es sich bei „Gespenster“ eher um leichte Unterhaltungslektüre handelt, hat der Roman doch immer wieder Tiefgang und setzt sich auf intelligente, humorvolle und immer wieder auch melancholische Weise mit Themen wie Identität, Lebensglück und echter Liebe auseinander. Der Roman lebt dabei von seinem scharfsinnigen Wortwitz und den zahlreichen Wortspielen, die aber leider in der Übersetzung ein wenig verloren gehen.

Protagonistin und Ich-Erzählerin Nina, die mit all ihren Stärken und Schwächen, Unsicherheiten und Überzeugungen dargestellt wird, stellt eine sehr authentische, intelligente, moderne Frau dar, deren Geschichte mit viel Einfühlungsvermögen und Witz erzählt wird. Dolly Alderton wird daher völlig zu Recht als „Stimmer ihrer Generation“ gefeiert.

„Die Suche nach der großen Liebe nahm anders als befürchtet kaum Platz in meinem Terminplan ein; ich konnte sie nebenbei erledigen, sogar beim Fernsehen, wenn ich wollte.“

Dolly Aldertons Debütroman „Gespenster“ erzählt ehrlich und überaus humorvoll von moderner Liebe in all ihren Facetten. Dabei setzt sich die Autorin scharfsinnig und mit viel Wortwitz mit dem Frausein von heute auseinander und schafft mit Protagonistin Nina eine authentische und starke Frauenfigur, in der sich viele Frauen wiederfinden werden.

Dolly Alderton: Gespenster (Ghosts)
Übersetzung: Eva Bonné.
Atlantik Verlag.
327 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 978-3455011098

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