Kiley Reid: Such a fun age

„Aber ich will nicht, dass du dich darüber aufregst, dass mir das passiert ist. Ich will, dass du dich darüber aufregst, dass so etwas… überhaupt passiert.“

Alix Chamberlain ist eine gut situierte weiße Frau, die es gewohnt ist, zu bekommen, was sie will. Ihr Geld verdient sie mit Produktbewertungen, quasi aus dem Nichts hat sie sich zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau hochgearbeitet. Ihre 24-jährige Babysitterin Emira dagegen hat noch immer keinen richtigen Job, muss sich deshalb Sorgen um die Krankenversicherung machen und ist zudem ständig pleite. Trotz aller Unterschiede zwischen den Beiden wünscht sich Alix nichts sehnlicher, als dass Emira ein Teil ihrer Familie wird – zu Alix’ Bedingungen versteht sich. Als Emira eines Nachts kurzfristig auf Alix Tochter aufpassen muss, wird ihr in einem Supermarkt Kidnapping vorgeworfen. Was will eine junge POC (Person of Color) schließlich sonst nachts mit einem kleinen weißen Mädchen? Sowohl Alix als auch Kelley, ein weißer Kunde des Supermarkts, der den Vorfall auf Video aufgenommen hat, sind überaus empört. Sie setzen alles daran, Emira zu ihrem Recht zu verhelfen, ohne jedoch wirklich auf Emira und ihre Bedürfnisse einzugehen. Die „white saviors“ haben nämlich eine ganz eigene Vorstellung davon, wie Emira ihr Leben zu führen hat.

Reid beschäftigt sich in ihrem gelungenen Debütroman mit Rassismus, Privilegien und Klassenunterschieden, erzählt ihre Geschichte dabei aber so temporeich und humorvoll, dass der Roman trotz der gewichtigen Themen recht leicht zu lesen ist. Tatsächlich ist die Geschichte so rasant erzählt, dass sie eine extreme Sogwirkung entwickelt. Beim Lesen drängen sich durchaus Vergleiche mit einer „bingeworthy“ Netflix-Serie auf, einige Kapitel enden sogar mit regelrechten Cliffhangern. Der Vergleich kann also durchaus zu Recht gezogen werden: einmal angefangen, ist es wirklich schwer, den Roman wieder aus der Hand zu legen.

Zwar nimmt der erwähnte Vorfall im Supermarkt in Reids Roman nur sehr wenig Handlungsraum ein, trotzdem kann man ihn als Ausgangspunkt betrachten für vieles, was danach passiert und sichtbar wird. Reid beleuchtet in ihrem Roman u. a. das Phänomen des White Saviorism und zeigt dabei auf, wie selbstherrlich und überzeugt sich Weiße im Umgang mit POCs geben. Der sogenannte „white savior complex“ beschreibt das Phänomen, das bis heute noch immer in vielen Filmen und Büchern (und leider auch der Realität) zu beobachten ist: Weiße Menschen „retten“ POCs aus einer (vermeintlichen) Notlage, wobei gleichzeitig impliziert wird, dass POCs nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen und eine*n weiße Retter*in brauchen. Beste Beispiele hierfür sind Filme wie „Green Book“, „Blind Side“ oder im übertragenen Sinne „Avatar“. Reids Romanfiguren Alix und insbesondere Kelley stellen Paradebeispiele solcher „white saviors“ dar, ihr negatives und selbstherrliches Verhalten entlarvt die Autorin dabei auf scharfsinnige und immer wieder extrem komische Weise. So ist der Roman bei all seinem Unterhaltungswert zugleich überaus lehrreich und regt sehr zum Reflektieren und Hinterfragen an.

„Du bist nicht besser als die anderen, wenn du deinen Mantel selbst aufhängst oder deinen Teller zur Spüle trägst. Ich habe auch schon an Abenden ausgeholfen wie diese Mädchen. Ich bin verdammt nochmal eins dieser Mädchen, und du tust niemanden einen Gefallen, indem du ihnen Arbeit wegnimmst. Das ist, als würdest deinen Teller nicht leer essen, damit am anderen Ende der Welt niemand verhungert. Damit hilfst du niemanden außer dir selbst.“

Doch letztlich bekommen alle Figuren in „Such a fun age“ ihr Fett weg. Es ist spannend zu beobachten, wie wichtig sich fast alle Charaktere selber nehmen und wie wenig Raum für die Bedürfnisse anderer bleibt. Protagonistin Emira mag hier die Ausnahme darstellen. Sie ist lange viel mehr passive Beobachterin als Akteurin und realisiert erst sehr spät, dass sie für sich einstehen und ihre eigenen Entscheidungen treffen, ihren eigenen Weg gehen muss. So kann man Kelleys und Alix’ Frustration ob ihrer Passivität manchmal durchaus verstehen, sind die beiden Figuren doch deutlich tatkräftiger und nehmen die Dinge gerne in die Hand. Trotzdem ist das keine Entschuldigung für deren vorgeschoben wohlmeinendes, jedoch eigentlich übergriffiges Verhalten. So wollen fast alle Charaktere Emira ihren Lebensentwurf überstülpen, ohne sie selbst als Individuum mit eigenen Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen zu sehen und anzuerkennen.

Reids Debüt erweist sich als scharfsinniger, unterhaltsamer und durchaus kritischer Gesellschaftsroman. Trotz der gewichtigen Themen wie Rassismus, Identitätsfindung und Klassenunterschiede gelingt es der Autorin durch ihren spitzzüngigen Witz sowie den rasanten Erzählstil die Geschichte kurzweilig und mit großer Leichtigkeit zu erzählen und gleichzeitig eine Spannung aufzubauen, die die Leser*innen direkt mitreißt.

Dieses Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an Netgalley und den Ullstein Verlag!

Kiley Reid: Such a fun age
Übersetzung: Corinna Vierkant.
Ullstein.
352 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13:‎ 978-3550201240

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