Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne

„Im Bruchteil einer Sekunde habe ich alles gesehen, was ich sein könnte, alles, was ich sein möchte. Und alles, was ich nicht bin.“

Die Zwillinge Jude und Noah könnten gegensätzlicher kaum sein und sind dennoch unzertrennlich. Noah, ein talentierter Maler, ist sensibel und introvertiert, während seine wilde und draufgängerische Schwester nie um eine Antwort verlegen ist. Doch drei Jahre später sprechen die Zwillinge kaum noch ein Wort miteinander und scheinen sich vom Wesen her grundlegend verändert zu haben. Jude studiert an der Kunsthochschule und ist zur stillen Einzelgängerin geworden, während Noah zum Sportteam gehört, überaus beliebt ist und keinen Pinsel mehr anrührt. Geheimnisse, Missverständnisse und ein schwerer Schicksalsschlag haben die Zwillinge entzweit. Als Jude einen exzentrischen Künstler kennenlernt, findet sie langsam zu sich selbst und ihrem Bruder zurück.

„Ich wusste nicht, dass man in seinem eigenen Schweigen begraben werden kann.“

Mit knapp 500 Seiten ist „Ich gebe dir die Sonne“ ein relativ umfangreiches Jugendbuch, was beim Lesen allerdings kaum auffällt. Denn das Buch zieht einen gänzlich in seinen Bann, wodurch die Seiten nur so verfliegen.

Die berührende Geschichte wird aus zwei Perspektiven sowie auf zwei Zeitebenen erzählt, abwechselnd aus der Sicht des 13-jährigen Noah und der 16-jährigen Jude. So gelingt es der Autorin die Spannung hochzuhalten, vieles erschließt sich den Leser*innen erst nach und nach. Dabei beeindruckt die Autorin mit ihrem sprachgewaltigen Schreibstil, sie erzählt sehr bildhaft, überaus lebendig und greift auf viele Metaphern zurück. So wird auch im künstlerischen und unkonventionellen Schreibstil gespiegelt, welch bedeutsame Rolle Kunst im Leben der Zwillinge spielt.

„Die Realität ist erdrückend. Die Welt ist ein Schuh in der falschen Größe. Wie soll man das aushalten?“

Das Buch lebt von seinen komplexen und fein gezeichneten Charakteren, allen voran natürlich die Protagonist*innen Jude und Noah. Aber auch die Nebenfiguren – wie z.B. der Künstler Guillermo, Noahs erste große Liebe Brian sowie der geheimnisvolle Bad Boy Oscar – sind ausgefeilt und ungemein liebenswert. Mit jeder Seite und je mehr man über die einzelnen Charaktere erfährt entfaltet das Buch eine fast zauberhafte Wirkung: Es macht Mut, man selbst zu sein und zu seinem wahren Ich zu stehen.

Und alles in mir wird still und friedlich und richtig. Wir atmen und treiben dahin. Ich stelle mir vor, wie wir durch den Nachthimmel zum strahlenden Mond schwimmen, und hoffe, dass ich mich morgen früh noch an das Bild erinnere, damit ich es malen und ihr schenken kann. bevor ich ganz weg bin, höre ich sie sagen: ‚Ich liebe dich immer noch am meisten‘ und ich erwidere ‚Ich auch‘, aber am Morgen bin ich mir nicht sicher, ob wir das gesagt haben oder ob ich es nur gedacht oder geträumt habe. Doch das ist wohl nicht so wichtig.“

Jandy Nelsons zweiter Roman „Ich gebe dir die Sonne“ ist eine ganz zauberhafte und berührende Coming-of-age-Geschichte, die sich mit dem Erwachsenwerden, Mut, Liebe und Trauer auseinandersetzt und dabei aufzeigt, dass es nicht immer einfach ist, zu sich selbst zu finden – dass es das aber immer wert ist. Passenderweise hat die Autorin ihrem Buch ein Zitat von E. E. Cummings vorangestellt: „Man braucht Mut dazu, erwachsen und der zu werden, der man wirklich ist.“ Besser kann man es nicht in Worte fassen.

Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne (I’ll give you the sun)
Übersetzung: Catrin Frischer.
cbt.
480 Seiten, 9,99 EUR.
ISBN-13: 978-3-570-31222-3

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