Colson Whitehead: Die Nickel Boys

„Gewalt ist der einzige Hebel, der groß genug ist, um die Welt zu bewegen.“

Rezension: Die Nickel Boys

Anfang der 1960er-Jahre: Der sechzehnjährige Elwood lebt zusammen mit seiner Großmutter im schwarzen Viertel von Tallahassee. Seine Pläne sind ambitioniert: als Erster seiner Familie möchte er aufs College gehen, um dort Literatur zu studieren. Als begeisterter Anhänger Martin Luther Kings träumt er außerdem von großen gesellschaftlichen Veränderungen, schreibt Leserbriefe und demonstriert für die Rechte der Schwarzen. Als er einen Platz am College bekommt, scheint er seinem Ziel ein gutes Stück näher. Doch sein Traum zerplatzt wie eine Seifenblase: An seinem ersten Tag will er per Anhalter zum College fahren und gerät dabei ausgerechnet in ein gestohlenes Fahrzeug. Er wird in die Nickel Academy gesperrt, eine Besserungsanstalt für Jungs, die auf die schiefe Bahn geraten. Die Anstalt, die auf den ersten Blick keineswegs erschreckend wirkt, entpuppt sich als Hölle auf Erden. Die Jungs werden geschlagen, misshandelt und ausgenutzt. Als viele Jahre später bei Ausgrabungen auf dem Anstaltsgelände ein geheimer Friedhof entdeckt wird, kommt das Ausmaß der Grausamkeiten ans Licht.

Nach seinem grandiosen Roman „Underground Railroad“ wurde Colson Whitehead für „Die Nickel Boys“ bereits zum zweiten Mal mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Auch in „Die Nickel Boys“ beschäftigt sich der Autor mit amerikanischer Geschichte, mit Unterdrückung, Gewalt und systemischem Rassismus – Themen, die auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Nüchtern und beinahe distanziert berichtet Whitehead dabei von den Grausamkeiten, denen Elwood im Nickel ausgesetzt wird. Dies steht im krassen Kontrast zu den brutalen Misshandlungen und verleiht ihnen so noch eine zusätzliche Wucht. Die Ungerechtigkeit, der Elwood als schwarzer Junge ausgesetzt ist und seine Chancenlosigkeit, der er zu Beginn noch seinen Traum von einer gerechten Welt entgegensetzt, raubt einem den Atem. Denn die himmelschreiende Ungerechtigkeit eines zutiefst rassistischen Systems werden einem beim Lesen immer wieder vor Augen geführt. Der fleißige und idealistische Elwood, der als Anhalter nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird mit aller Härte bestraft, während die wahren Verbrecher – die Wärter und Lehrer der Nickel Academy – insbesondere auf Kosten der schwarzen Schüler ein Leben in Saus und Braus führen.

Dieser Roman ist wahrlich keine leichte Kost. Er geht unter die Haut und rüttelt wach. Denn die Romanhandlung basiert auf wahren Begebenheiten. Die Nickel Academy ist an die Florida School for Boys angelehnt, wo im Jahr 2014 bei Ausgrabungen Massengräber von ehemaligen Schülern entdeckt wurden. Trotzdem schreibt Whitehead nicht als Ankläger, er bleibt stets der präzise und sachliche Beobachter. Auch auf fantastische Elemente, wie sie noch in seinen früheren Werken zu finden sind, verzichtet er. In „Die Nickel Boys“ bleibt Whitehead streng dem Realismus verschrieben, er erzählt Elwoods Geschichte nüchtern und authentisch. Auch Elwoods anfänglicher Idealismus und seine Hoffnung auf eine bessere Welt schwinden immer mehr im Laufe seines Nickel Aufenthalts. Und auch als er als erwachsener Mann in New York dem Nickel längst entkommen ist, lassen sich die Spuren der Grausamkeit nicht so leicht abschütteln.

Trotz seiner Kürze ist „Die Nickel Boys“ ein großer Roman, der durch seine nüchternen Sprache nur an Spannung und Intensität gewinnt. Ein Roman, der noch lange nachhallt.

Dieses Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an das Bloggerportal und den btb Verlag!

Colson Whitehead: Die Nickel Boys (The Nickel Boys)
Übersetzung: Henning Ahrens.
btb Verlag.
240 Seiten, 12 EUR.
ISBN–13: 978–3442770427

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