Jess Kidd: Der Freund der Toten

„Sei still. Die Toten kommen näher. Sie ringen entschuldigend die Hände. Sie warten darauf, dass er die Augen aufschlägt, damit sie gesehen werden. Sie wollen nur gesehen werden.“

Rezension: Der Freund der Toten

Der gutaussehende und charismatische Kleinkriminelle Mahony wurde von seiner Mutter als Baby in einem Dubliner Waisenhaus abgegeben – zumindest glaubt er das. Doch dann erhält er einen anonymen Brief, der ein anderes Licht auf die Geschehnisse von vor über 20 Jahren wirft. Seine damals noch blutjunge Mutter galt als Schande ihres Dorfes und soll ganz plötzlich auf mysteriöse Art verschwunden sein. Mahony beschließt nach Mulderrig, seinen Geburtsort, zu reisen und das Verschwinden seiner Mutter aufzuklären. Doch die Dorfbewohner*innen, die Fremden gegenüber von jeher misstrauisch sind, sind von seinem Vorhaben beunruhigt. Einzig die ehemalige Schauspielerin Mrs Cauley stellt sich auf seine Seite und unterstützt ihn tatkräftig. Denn sie ist überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Gegen alle Widerstände macht sich Mahony gemeinsam mit der exzentrischen alten Dame daran, die vielen Geheimnisse des Dorfes aufzudecken. Denn einen entscheidenden Vorteil hat er noch auf seiner Seite: Er kann die Toten sehen. Und mit ihnen sprechen.

„Ich sag dir etwas, was ich weiß. […] Diejenigen, die wir verloren haben, kommen zu uns zurück, wenn sie es für richtig halten.“

Jess Kidds im wahrsten Sinne des Wortes sagenhafter Debütroman „Der Freund der Toten“ ist ein Buch der ganz besonderen Art. Denn würde man „Der Freund der Toten“ als simplen Krimi abtun, würde man dem Roman nicht gerecht – er ist nämlich so viel mehr als das. Geschickt verbindet Kidd einen spannenden Kriminalfall rund um den Mord an Mahonys Mutter mit skurrilen irischen Dorfgeschichten sowie mythischer Folklore und lässt so die Grenzen von Realität und Fantasie verschwimmen.

„Wenn sie sehen könnten, was ihm folgt, tja, dann würden sie sich nicht über das Tempo seiner Schritte wundern. Die Toten zieht es nämlich zu denen, deren Herz zerbrochen ist. Sie huschen von Scheunen und Schuppen herbei und hasten aus Dachkammern und Kuhställen, um sich dem Marsch anzuschließen.“

Zudem besticht der Roman durch seinen sehr ungewöhnlichen und wunderschönen Schreibstil, der fast schon poetisch anmutet. Überaus bildgewaltig beschreibt Kidd das Dorf, seine Bewohner*innen (ob tot oder lebendig) und die sie umgebende Natur. Die skurrilen Charaktere der Dorfgemeinschaft zeichnet Kidd dabei sehr humorvoll. Insbesondere die Dialoge – vor allem die zwischen der alten Mrs Cauley und Mahony – weisen viel Wortwitz und schwarzem Humor auf und verleihen der Geschichte Leichtigkeit und eine gewisse Tragikomik.

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Zum einen im Jahr 1976, wo die Handlung um Mahony und seine Ermittlungen angesiedelt ist, zum anderen werden in Rückblenden in das Jahr 1948 nach und nach kleine Teile der Geschichte von Mahonys Mutter Orla erzählt. Viele der herrlich schrägen Dorfbewohner*innen sind in beiden Handlungssträngen vertreten und reihen sich damit in die Liste von Verdächtigen ein. Als Leser*in wird man ganz im Stile klassischer Whodunits dazu animiert, mitzurätseln und selbst Vermutungen zur Aufklärung des Falls anzustellen. Trotzdem tritt die Kriminalgeschichte immer wieder in den Hintergrund und wird überlagert von den märchenhaften Auswüchsen der Geschichte und den kuriosen Anekdoten aus dem Dorfleben. Dies tut der Spannung aber keinen Abbruch, vielmehr verleiht es dem Roman eine zusätzliche Sogwirkung und zieht den*die Leser*in in einen fast schon magischen Bann.

„Das ist meine Geschichte. Eine andere habe ich nicht.“

Kidds märchenhaft anmutender Debütroman vermischt einen spannenden Kriminalfall mit mythischer Folklore und dem humorvollen Porträt einer irischen Dorfgemeinschaft. Durch die überaus gelungene Verbindung von fantastischen und realistischen Elementen entsteht eine einzigartiger Ansatz magischen Realismus‘, der einen ganz neuen Blick auf die Welt eröffnet.

Jess Kidd: Der Freund der Toten (Himself)
Übersetzung: Alexander Timmermann, Ulrike Wasel.
DuMont.
384 Seiten, 11 EUR.
ISBN-13: 978-3-8321-6465-2.

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