Tommy Orange: Dort Dort

„Maxine will ihre Indianersachen hören, von denen ich nicht immer alles verstehe. Trotzdem gefallen sie mir, denn wenn ich was verstehe, dann so, dass es wehtut, aber irgendwie auch guttut, weil man etwas spürt, was man sonst nicht gespürt hätte und was einen weniger einsam macht, so dass es hinterher weniger wehtut.“

Rezension: Dort Dort

In seinem bahnbrechenden Debütroman erzählt Tommy Orange die Geschichte der Native Americans von heute, die er in seinem Roman „urbane Indianer“ nennt. Der Autor, der selbst den Cheyenne und Arapaho Tribes angehört, gibt diesen „urbanen Indianern“ eine Stimme, erzählt von ihrer Geschichte, ihren Problemen und aus ihrem Alltag. Dabei widmet er sich zwölf Figuren, die jeweils in eigenen Kapiteln zu Wort kommen, erzählt zwölf Geschichten, die dennoch alle miteinander verwoben sind. Sie alle verbindet die Suche nach Identität und Orientierung, die Frage nach Herkunft und Erbe und wie sich Vergangenheit und Zukunft zusammenbringen lässt. Und sie alle treffen schlussendlich im großen dramatischen Finale aufeinander, dem Big Oakland Powwow.

Da gibt es Tony Loneman, der seit seiner Geburt am fetalen Alkoholsyndrom leidet, von ihm selbst nur als „das Drom“ bezeichnet. Nicht zuletzt aufgrund seiner Krankheit ist er ein Außenseiter, schließt er sich den falschen Leuten an und dealt mit Drogen. Daneben wird Opal Bear Shields Geschichte erzählt, die alleine ihre drei Großneffen großzieht. Vor allem Orvil, der Älteste der Jungs, will sein indianisches Erbe kennenlernen und übt heimlich, um beim Big Oakland Powwow zum ersten Mal mitzutanzen. Jacquie Red Feather, Opals Schwester, konnte als Alkoholikerin ihre Enkel nach dem Tod der Mutter nicht selbst großziehen. Nun ist sie nüchtern und möchte zu ihrer Familie zurückkehren. Und da gibt es den jungen Dene Oxendene, der Dokumentarfilmer werden will, auch um seinem Volk eine Stimme zu geben. Mit der Kamera seines verstorbenen Onkels sammelt er Geschichten indianischen Lebens von heute.

„Wenn du das Glück hattest, in eine Familie hineingeboren zu werden, die direkt an Völkermord und/oder Sklaverei verdient hat, glaubst du vielleicht, je weniger darüber du weißt, desto mehr von deiner Unschuld kannst du dir bewahren, was ein guter Grund ist, sich nicht zu informieren, nicht zu tief zu bohren, auf leisen Sohlen um den schlafenden Tiger zu schleichen. Nimm nur deinen Nachnamen. Verfolge ihn zurück, und vielleicht findest du heraus, dass euer Weg mit Gold gepflastert war oder mit Fallen.“

Gegliedert in die vier Teile „Bleiben“, „Zurückfordern“, „Heimkehren“, „Powwow“ erzählt Orange die Lebensgeschichten der Figuren, wobei sich die einzelnen Erzählstränge immer wieder überschneiden. Manche Figuren kennen sich, sind miteinander verwandt oder treffen im Verlauf der Handlung aufeinander. Die Geschichten werden dabei nicht streng chronologisch erzählt, stattdessen sind manche Handlungsstränge zeitlich leicht versetzt, manchmal wird zurück- oder vorausgeblickt. Durch essayistische Textstücke, die immer wieder zwischen den Kapiteln angesiedelt sind, verbindet der Autor die Einzelschicksale zudem noch mit der Historie der Native Americans und bettet sein Werk in einen größeren Kontext.

Fernab von Klischees und Verklärung erzählt Orange die Geschichte seines Volkes mit authentischen Figuren. Diese zeichnet Orange sehr ehrlich und authentisch, mit all ihren Stärken und Schwächen, Sehnsüchten und Ängsten. Er verleiht ihnen Tiefe und beschreibt ihre Schicksale mit sprachlicher Wucht und zugleich absoluter Feinfühligkeit. Dabei changiert der Roman sprachlich zwischen Poesie und Eindringlichkeit, Wut und Schönheit. Nicht umsonst wird der Roman, der 2019 für den Pulitzer Preis nominiert war, von der New York Times als „[e]ine neue Art amerikanisches Epos“ bezeichnet.

„Ich will alles zusammenführen, alle unsere Geschichten. Was haben wir denn außer Reservatsgeschichten und den beschissenen Versionen aus den alten Geschichtsbüchern. Viele von uns leben heute in den Städten. Das hier soll einfach so was wie eine Möglichkeit sein, diese andere Geschichte zu erzählen.“

Tommy Orange: Dort Dort (There There)
Übersetzung: Hannes Meyer.
Hanser Berlin.
288 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 978-3446264137

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