Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht

„Er konnte sich von dieser Geschichte einfach nicht fernhalten.
Ich konnte es auch nicht.“

Rezension: Die amerikanische Nacht

Ashley, die Tochter des geheimnisumwitterten Regisseurs Cordova stirbt auf rätselhafte Weise. War es ein Unfall? Oder vielleicht sogar Selbstmord? Der investigative Journalist Scott McGrath, der bereits in der Vergangenheit über Cordova geschrieben und dadurch beinahe seine Karriere ruiniert hat, beginnt nachzuforschen. Zusammen mit Hopper, einem Freund der Toten, und der quirligen Zeugin Nora begibt sich McGrath auf eine aufregende Spurensuche quer durch New York. Die magischen Filme Cordovas scheinen eine wichtige Rolle zu spielen und werden nach und nach zu McGraths Realität, aus der es sowohl für den Journalisten als auch für die Leser*innen kein Entkommen gibt. Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen zu einem undurchdringbaren Dickicht, das auch den*die Leser*in in seinen Bann zieht und noch lange nach dem Lesen nicht mehr loslässt.

Du weißt es nicht. Die meisten Bösen denken, sie seien die Guten. Aber es gibt ein paar Anzeichen. Du bist unglücklich. Du wirst gehasst. Du tastest dich im Dunkeln voran, allein und verwirrt. Du hast keinen Einblick in das wahre Wesen der Dinge, bis zur allerletzten Minute, und auch dann nur, wenn du ausdauernd und verückt genug bist, um bis zum Ende zu gehen. […] Falls du der Gute bist, kannst du vielleicht überleben, McGrath. Aber natürlich gibt es bei Cordova keine Garantien.“

„Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl ist ein absolut außergewöhnlicher Roman, der alle Genregrenzen sprengt. Dabei beeindruckt nicht nur Pessls intensiver Schreibstil, sondern auch die unvergleichliche Geschichte selbst, die eine Sogwirkung entwickelt, der man sich kaum entziehen kann. Die Figuren sind faszinierend gezeichnet – allen voran der geheimnisumwobene Regisseur Cordova. Auf ihrer Suche nach Antworten wird die Gruppe rund um McGrath zu düsteren, teilweise absolut obskuren Orten geführt und trifft auf mysteriöse Figuren während sie dem Geheimnis (scheinbar) immer näher kommen. Die Geschichte ist dabei so fesselnd erzählt, dass man beim Lesen ganz leicht die Zeit aus den Augen verliert.

„Er war sogar noch verdorbener, als ich gedacht hatte. Ein Verrückter. Der Teufel persönlich. Vielleicht war das nicht immer so gewesen, aber er war hier dazu geworden.

Pessl arbeitet u. a. mit Elementen des Film Noir: als Leser*in begleitet man den „hardboiled detective“ McGrath auf seinem Weg in die ominöse Welt des Regisseurs Cordova. Das Medium Film ist überhaupt von großer Bedeutung für das Buch – und das auf allen Ebenen. So ist „Die amerikanische Nacht“ (engl. Titel: „Night Film“) nicht nur der Titel des Romans, sondern ebenso Bezeichnung eines filmischen Verfahrens, bei dem mithilfe von Filtertechniken Nachtaufnahmen bei Tage gedreht werden. Daneben finden sich unzählige weitere intermediale Verweise und Kinozitate, an denen Filmfans ihre wahre Freude haben werden. Ähnlich wie in der Filmtechnik bedient sich Pessl darüber hinaus der literarischen Montage und arbeitet Fotografien, Zeitungsartikel sowie Internet- und Telefonprotokolle mit ein – Hinweise und Spuren, denen der Detektiv bei seiner Ermittlungsarbeit folgt. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt dabei nicht nur für McGrath, sondern auch für die Leser*innen.

„Wenn du das Lamm geschlachtet hast, bist du zu allem fähig, und die Welt gehört dir. […] Souverän. Tödlich. Perfekt.“

Doch damit nicht genug – bereits Jahre vor der Veröffentlichung von „Die amerikanische Nacht“ erzählte Pessl in Interviews beiläufig von Kultregisseur Stanislas Cordova und seinem beeindruckenden Œuvre. Für jeden seiner Filme hat sich die Autorin eine Handlung überlegt, Schauspieler*innen erfunden und Plakate entworfen. Auch im Roman selbst wird sowohl Biografie als auch Filmografie des Regisseurs so detailliert und überzeugend gezeichnet, dass man zwischenzeitlich vergisst, dass es sich dabei um einen fiktiven Charakter handelt. Zurück bleibt die große Sehnsucht, Cordovas Werk kennenzulernen – letztlich zieht der geheimnisvolle Regisseur nicht nur McGrath, sondern auch die Leser*innen in seinen magischen Bann.

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht (Night Film)
Übersetzung: Tobias Schnettler.
S. Fischer Verlag.
800 Seiten,  22,80 EUR.
ISBN-13: 978-3100608048

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