Lucy Foley: Neuschnee

„Jetzt, im Nachhinein, wäre es ein Leichtes zu behaupten, dass ich vor zwei Tagen, bei ihrer Ankunft, schon eine ungute Vorahnung hatte. Ich habe die Ereignisse nicht kommen sehen. Aber irgendetwas habe ich gespürt.“

Rezension: Neuschnee

Neun alte Studienfreund*innen verbringen den Jahreswechsel auf einem abgelegenen Anwesen mitten in den schottischen Highlands. Zunächst sind alle begeistert: sie feiern ausgelassen, genießen die eindrucksvolle Natur und lassen sich vom wortkargen Wildhüter Doug in die Jagd einführen. Doch als sie durch heftigen Schneefall plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten werden, kippt die Stimmung der Anwesenden. Durch die Nachricht, dass in der Nähe ein umherstreifender Serienmörder sein Unwesen treibt, spitzt sich die Lage noch weiter zu. Als plötzlich eine*r der Freund*innen verschwindet und anschließend tot im Schnee aufgefunden wird, eskaliert die Situation auf dem Anwesen endgültig.

„Ich hätte neidisch sein können. Und doch war ich es nicht. Denn ich konnte es zwar nicht recht benennen, aber da war ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit, die die Gruppe zu umgeben schien. Selbst wenn sie lachten, sich gegenseitig knufften und neckten, konnte ich etwas Unterschwelliges spüren, das nicht so recht passen wollte. Ich fand, dass sie wie Schauspieler wirkten, die sich gegenseitig vorspielten, was für eine herrliche Zeit sie hier doch verbrachten. Sie lachten etwas zu laut. Sie tranken eindeutig zu viel. Und außerdem schienen sie einander ständig zu beobachten.“

Zwar hat Lucy Foley mit „Neuschnee“ das Rad nicht neu erfunden, dennoch hat sie mit ihrem Krimi-Debüt einen durchaus spannenden und sehr unterhaltsamen Roman vorgelegt. Der Plot wird allen Krimi-Freund*innen wohlbekannt sein: ganz im Stile eines klassischen Whodunit wird eine Gruppe von Personen eingeführt, aus der schließlich der oder die Täter*in entlarvt werden muss. Doch neben der Frage nach dem oder der Täterin lässt Foley auch die Identität des Opfers zunächst ungeklärt, was zusätzlich Spannung erzeugt. Weiter erinnert das Setting an klassische Locked-Room-Mysteries à la Poe oder Doyle. Die Handlung des Romans spielt sich hier zwar nicht in einem einzigen Raum ab, dennoch wird man als Leser*in mit einem kriminalistischen Rätsel in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Anwesen konfrontiert und dabei zum Mitraten angeregt.

Bei den Figuren des Romans handelt es sich zum einen um eine Gruppe von alten Freund*innen, die sich aus ihrer Studienzeit in Oxford kennen. Wie es bei alten Cliquen häufig der Fall ist, besteht die Gruppe aus recht unterschiedlichen Charakteren, die sich im Laufe der Jahre auseinander entwickelt haben, um der guten Zeiten willen aber an ihrer Tradition festhalten, gemeinsam Silvester zu feiern.

„Es ist ewig her, dass wir in dieser Konstellation zusammen waren wahrscheinlich seit letztem Silvester nicht mehr. Trotzdem fallen wir sofort in unsere alten Rollen zurück, die wir schon immer in dieser Gruppe innehatten. Ich bin die Stille ganz im Gegensatz zu Miranda und Samira, meinen ehemaligen Mitbewohnerinnen, die den extrovertierten Teil der Gruppe bilden. Nur um das nochmal klarzustellen: Wir alle fallen in unsere alten Rollen zurück.“

Da gibt es beispielsweise den wohlhabenden Hedgefond-Manager Julien, der zum Angeben neigt sowie seine Frau Miranda, die zu Uni-Zeiten der unangefochtene Star der Clique war und noch immer eine Partyqueen ist. Nur beruflich konnte sie im Gegensatz zu ihrer ehemals besten Freundin, der zurückhaltenden Katie, nie durchstarten. Daneben gibt es das schwule Pärchen Bo und Nick sowie Samira und Giles, die gerade zum ersten mal Eltern geworden sind. Organisiert wurde der Ausflug schließlich von Emma, Freundin des sportlichen und leicht reizbaren Mark, die als Letzte und erst lange nach der Uni-Zeit zur Gruppe stieß und sich immer noch nicht richtig angenommen fühlt. Bei dieser Gruppenkonstellation scheinen Konflikte vorprogrammiert, die Abgeschiedenheit tut dazu ihr Übriges. Alte Querelen werden immer offenkundiger, Missgunst und Neid macht sich bemerkbar und lang gehütete Geheimnisse brodeln unter der Oberfläche.

Betreut wird die Gruppe, die neben einem isländischen Paar die einzigen Gäste auf dem Anwesen sind, von der depressiven Gästebetreuerin Heather sowie Veteran Doug, der sich traumatisiert von seinem letzten Einsatz als Wildhüter verdingt hat. Auch diese Figuren schleppen alte Geheimnisse und Verletzungen mit sich herum, die erst im Laufe der Handlung aufgedeckt werden, und reihen sich so in den Kreis der Verdächtigen ein.

Zwar bedient sich Foley bei ihren Figuren durchaus einiger Klischees, trotzdem zeichnet sie ihre Charaktere nuanciert und vielschichtig. Dies gelingt ihr insbesondere dadurch, dass die Handlung abwechselnd aus der Sicht ausgewählter Charaktere erzählt wird. So werden nicht nur unterschiedliche Perspektiven auf die Geschehnisse vermittelt, gleichzeitig erhält der*die Leser*in Einsicht in die Gefühle und geheimen Gedanken einzelner Figuren. Die Handlung entwickelt sich dabei in zwei Zeitachsen: zum einen wird aus der Gegenwart berichtet, zum anderen wird sowohl die Identität des Opfers als auch der Tathergang in Rückblenden nach und nach aufgedeckt. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Wendungen, die die Ereignisse in ein neues Licht rücken und die Spannung bis zum Ende hochhalten.

„Er hat gemerkt, wie sie ihn anschauten, diese Gäste. Als wäre er eine kuriose Sehenswürdigkeit, eine Abnormität. Wenn er – ganz selten – einen Blick auf sein Konterfei im Spiegel erhaschte, konnte er sich ungefähr denken, warum.“

Obwohl der Plot sicherlich kein Novum darstellt, überzeugt Foleys „Neuschnee“ als moderne Variante klassischer Whodunit-Krimis. Mit interessanten Figuren, die alle das ein oder andere Geheimnis hüten, sowie überraschenden Wendungen gelingt es der Autorin die Spannung bis zum letzten Moment hochzuhalten. Bildhaft und sehr anschaulich vermittelt sie die sich zunehmend zuspitzende Lage sowie die daraus resultierende düstere Atmosphäre, wobei der Krimi ganz ohne explizite Gewaltdarstellung auskommt. Als Leser*in sieht man sich nicht nur mit dem Rätsel um den Täter, sondern zugleich auch mit dem um die Identität des Opfers konfrontiert, was zum Miträtseln einlädt und durchweg gute Unterhaltung verspricht.

Lucy Foley: Neuschnee (The Hunting Party)
Übersetzung: Ivana Marinović.
Penguin.
432 Seiten, 15 EUR.
ISBN-13 : 978-3328104926

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