Jasmin Schreiber: Marianengraben

„Ich erinnere mich an einige Momente, in denen ich dachte: Du bist allein, Paula. Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein und man hofft, dass das irgendwas kompensiert. […] Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren, und dann sitzt man plötzlich mit einem alten Mann und einem latent aggressiven Schäferhund in einem Wohnmobil.“

Rezension: Marianengraben

Paulas kleiner Bruder Tim, der später einmal Meeresbiologe werden möchte, ist ihr Ein und Alles. Als Tim während des Familienurlaubs bei einem schrecklichen Unfall im Meer ertrinkt, stürzt Paula in eine schwere Depression und findet auch zwei Jahre nach dem Unglück keinen Weg heraus aus ihrer Trauer. Sie zieht sich von allen Menschen aus ihrem Umfeld zurück, vernachlässigt ihr Biologie-Studium und verlässt kaum noch die Wohnung. Auf Anraten ihres Therapeuten besucht sie schließlich das Grab ihres Bruders – um möglichst auf keine Menschen zu treffen, klettert sie dafür nachts über die Friedhofsmauer. Doch zu ihrer Überraschung trifft sie dort auf den griesgrämigen Rentner Helmut. Auch er betrauert einen Verlust: Helmut hat vor Kurzem seine geliebte Frau verloren und hat sich auf das Friedhofsgelände geschlichen, um ihre Asche zu stehlen. Die beiden Trauernden tun sich – zunächst als Zweckgemeinschaft – zusammen und begeben sich gemeinsam auf einen abenteuerlichen Roadtrip Richtung Südtirol, um dort die Asche von Helmuts Frau zu verstreuen. Auf ihrer ungewöhnlichen Reise wachsen Helmut und Paula immer mehr zusammen und finden beide nach und nach wieder zu sich zurück.

„Ein Buch in der Hand kann ein echter Rettungsanker sein – wenn die See des Lebens zu rau ist, klammert man sich an Geschichten und lässt sich von ihnen in Sicherheit bringen.“

Jasmin Schreibers berührender Debütroman erzählt nicht nur die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, sondern ist insbesondere ein Roman über Trauer und Verlust. Schreiber arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Bloggerin als Trauerbegleiterin, was in ihrer feinfühligen Auseinandersetzung mit diesen sensiblen Themen deutlich wird. Gleichzeitig gelingt es der Autorin einen leichten Ton anzuschlagen, was dem Ganzen seine Schwere nimmt. Ihr Schreibstil ist dabei relativ einfach gehalten, so unterhalten sich die Figuren im saloppen Umgangston, was den Dialogen große Authentizität verleiht.

Zudem spielt die Natur „Marianengraben“ eine große Rolle. Sowohl die Autorin selbst als auch Protagonistin Paula haben Biologie studiert, was sich in den zahlreichen detaillierten Naturbildern des Romans äußert. Paula, die als Ich-Erzählerin des Romans fungiert, bedient sich zahlreicher Metaphern, die im Naturreich angesiedelt sind, um sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen. Die Protagonistin fühlt sich verloren, als wäre sie ganz unten angekommen, „ganz unten in der Dunkelheit, wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff“. Damit wird der Marianengraben, der mit 11.000 km unter dem Meeresspiegel die tiefste Stelle des Meeres ist, zum Symbol für Paulas Trauer um Tim, der das Meer über alles geliebt hat. Die einzelnen Kapitel des Romans sind mit Tiefenangaben überschrieben und stehen so für Paulas Kampf um einen Aufstieg bzw. ihren Weg aus der Trauer zurück ins Leben.

„Mir kam in den Sinn, was für ein Glück es war, dich in meinem Leben gehabt zu haben. […] Wir waren zwei Interpretationen desselben Songs, zwei Seiten derselben Münze, zwei Bäume nebeneinander im Wald, die sich unterirdisch gegenseitig mit Glucose versorgten. Wir waren Geschwister, und das ist etwas Besonderes.“

Mit Paula und Helmut hat Schreiber zwei absolut liebenswerte, schrullige Figuren geschaffen, deren ungewöhnliche Freundschaft durchaus auch für komische Momente sorgt. Nicht nur durch die Dialoge der Beiden, sondern auch durch die absurde Situationskomik, die sich ergibt, wenn zwei grundverschiedene Charaktere auf eine gemeinsame Reise gehen, weist der Roman einen ganz wunderbaren Witz auf. Zugleich wird durch die unterschiedlichen Figuren deutlich, dass es kein Rezept für das Trauern gibt. Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise, jeder Heilungsprozess ist anders.

„Man kann das Leben nicht aufhalten, wissen Sie. Das geht nicht. Und den Tod kann man auch nicht kontrollieren, weil er nun einmal zu diesem bekloppten Ritt namens Leben gehört.“

Jasmins Schreiber berührender Debütroman „Marianengraben“ ist ein Roadnovel der ganz besonderen Art. Feinfühlig und leicht werden in dem Roman ernste Themen wie Tod, Trauer und Depression verhandelt, gleichzeitig weist der Roman mit seinen schrulligen Charakteren einen ganz besonderen Humor auf. So schafft „Marianengraben“ etwas, das kaum einem Roman gelingt: er rührt zu Tränen und bringt zum Lachen und das manchmal sogar gleichzeitig.

Jasmin Schreiber: Marianengraben
Eichborn.
256 Seiten, 20 EUR.
ISBN-13: 978-3847900429

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