Emma Cline: The Girls

„Die Sonne stach durch die Bäume wie immer – verschlafene Weiden, der über der Picknickdecken fahrende, heiße Wind – aber die Vertrautheit des Tages wurde gestört von der Bahn, die die Mädchen durch die normale Welt zogen. Geschmeidig und gedankenlos wie durch das Wasser gleitende Haare.“

Rezension: The Girls

Kalifornien, 1969: Die vierzehnjährige Evie Boyd begegnet den „Girls“ und fühlt sich von den selbstbewussten und andersartigen Frauen beinahe magisch angezogen. Die „Girls“ leben unter der Führung des charismatischen und manipulativen Russell auf einer Ranch fernab der normalen Gesellschaft. Freiheit, Feiern, Liebe – Evie, die von ihren Eltern vernachlässigt wird und kaum Freund*innen hat, wird immer mehr in den Bann der Parallelgemeinschaft gezogen und merkt dabei nicht, welche Gefahr von dieser ausgeht.

In Emma Clines beeindruckendem Debütroman erzählt die erwachsene Evie Boyd in der Rückschau von jenen Ereignissen aus dem verhängnisvollen Sommer 1968. Als erwachsene Frau lebt Evie sehr zurückgezogen – zu tief ist die Scham, die sie verspürt, zu tief sitzt ihr Misstrauen gegenüber anderen Menschen und sich selbst. Auch nach vielen Jahren versucht die Protagonistin noch immer zu verstehen, wie sie in die Fänge einer fanatischen Sekte gelangen konnte und warum sie sich trotz allem nie ganz von ihrer Geschichte lösen konnte.

„Manchmal fühlt es sich nicht wie Bedauern an. Sondern wie Vermissen.“

Als orientierungslose Teenagerin ist Protagonistin Evie auf der verzweifelten Suche nach Zugehörigkeit und Identität. Vernachlässigt von ihren frisch geschiedenen Eltern, sucht sie Anerkennung bei Gleichaltrigen, findet jedoch keinen Anschluss. Als sie den titelgebenden „Girls“ begegnet, fasziniert sie deren Zusammengehörigkeitsgefühl ebenso wie deren demonstrative Unangepasstheit. Insbesondere die 19-jährige Suzanna, die sie als die Anführerin der Mädchengruppe wahrnimmt, beeindruckt die Teenagerin. Suzanna, eine der glühendsten Anhängerinnen Russels, erkennt Evies verzweifelten Wunsch nach Anerkennung und weiß das zu ihren Zwecken auszunutzen. Selbst in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Sektenführer Russel manipuliert sie die Teenagerin, die zu ihr aufschaut und sie vergöttert. Die Beziehung der beiden wird mit großer Tiefe und Feingefühl beschrieben, wobei die verschiedenen Macht- und Abhängigkeitsstrukturen, die auch unter den Anhänger*innen der scheinbar freien Sekte herrschen, deutlich werden.

„Ich konnte nicht sagen, wie lange wir da saßen, beide losgelöst von den Rhythmen des normalen Lebens. Aber genau das wollte ich – dass selbst die Zeit sich anders und neu anfühlte, von besonderer Bedeutung erfüllt.“

Die Geschichte von „The Girls“ ist inspiriert von wahren Begebenheiten. Die Figur des Sektenführers Russel ist stark an Charles Manson angelehnt, die Sekte erinnert an die Strukturen der Manson Family. Doch die Autorin macht nicht den Sektenführer selbst zum Mittelpunkt ihres Romans, wie man es vielleicht erwarten könnte, sondern rückt vielmehr seine Anhängerinnen und insbesondere Evies Beziehung zur schönen Suzanna in den Fokus. Dabei zeichnet die Autorin tiefgründige und komplexe Charaktere, deren Beziehungen untereinander sehr vielschichtig dargestellt werden. Mit stimmungsvollen Bildern und in atmosphärischer Sprache gelingt es der Autorin einfühlsam aufzuzeigen, warum besonders junge Menschen so empfänglich sind für ideologische Verführer*innen.

Emma Clines Erstlingswerk „The Girls“ ist ein fesselnder Roman, der zum Reflektieren und Hinterfragen anregt. Mit bildhafter Sprache und großer Intensität erzählt die Autorin eine Geschichte über die Macht der Verführung und den Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Dabei stellt sie weder den Sektenführer, noch die Schuldfrage in den Mittelpunkt, sondern legt den Fokus auf die facettenreichen Figuren und deren komplexe Beziehungen zueinander. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Grund für ihre Hörigkeit, die sich Evie auch als Erwachsene noch immer stellt, liefert die Autorin dabei nicht. Vielmehr wird man als Leser*in beständig selbst mit der Frage konfrontiert: „Hätte mir das auch passieren können?“. Eine ehrliche Antwort darauf mag unangenehm sein.

Emma Cline: The Girls
Übersetzung: Nikolaus Stingl.
Random House.
352 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 978-0812998603

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s