Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

„Ifemelu war im Schatten des Haars ihrer Mutter aufgewachsen. […] Ihr Vater nannte es eine prächtige Krone. »Ist ihr Haar echt?«, fragten Fremde und berührten es ehrfürchtig. Andere fragten: »Sind Sie aus Jamaica?«, als könnte nur ausländisches Blut so üppiges Haar erklären, das an den Schläfen nicht ausdünnt.“

Rezension: Americanah

Die Nigerianerin Ifemelu lebt seit über zehn Jahren in Amerika, wo sie einen sehr erfolgreichen Blog führt und Vorträge hält. Sie hat eine Eigentumswohnung und lebt in einer zwar unaufgeregten, aber immerhin relativ glücklichen Beziehung. Trotzdem will sie nun in ihr Heimatland zurückkehren, was in ihrem Haarsalon, in dem der erste Teil des Romans angesiedelt ist, auf Unverständnis stößt. Während sich Ifemelu die Haare flechten lässt, wird in Rückblenden ihre Vergangenheit aufgedeckt und der Weg beleuchtet, der sie an diesen Punkt geführt hat.

Aufgewachsen im Nigeria der 90er-Jahre, lernt die selbstbewusste Ifemelu dort den tiefsinnigen Obinze kennen, die beiden verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Obwohl zunächst vor allem Obinze als idealistischer Romantiker von Amerika als seinem Sehnsuchtsort träumt, ist es schließlich Ifemelu, die dort für einen Studienplatz der Kommunikationswissenschaften zugelassen wird. Sie lässt Heimatland und Geliebten zurück und versucht, Fuß zu fassen im Land der Träume so vieler junger Nigerianer*innen. Doch der Neuanfang in den Staaten ist nicht leicht. Sie findet keine Wohnung, keinen Job, tut sich schwer, Anschluss zu finden und sieht sich mit mal mehr, mal weniger verstecktem Rassismus konfrontiert. Desillusioniert und einsam versinkt Ifemelu in eine Depression und bricht im Zuge dessen den Kontakt zu ihrer großen Liebe Obinze ab.

„Alle machten Witze über Leute, die ins Ausland gingen, um Toiletten zu putzen, und so entschied sich Obinze für eine ironische Herangehensweise an seinen ersten Job.“

Neben Ifemelus wird auch Obinzes Geschichte erzählt, der den für ihn unerklärlichen Verlust seiner großen Liebe nie ganz verwunden hat. Ihn hält nichts mehr in Nigeria und so versucht auch er sein Glück im Ausland. Da er kein Visum für das von ihm romantisch verklärte Amerika erhält, geht er nach London, wo er sich als illegaler Immigrant mit Toilettenputzen durchschlagen muss. Schließlich wird er verhaftet und abgeschoben – Der Traum der Migration ist für ihn geplatzt, er kehrt desillusioniert in sein Heimatland zurück, wo er durch Verstand und etwas Glück zum erfolgreichen Geschäftsmann wird.

In der nigerianischen Großstadt Lagos, wo der letzte Teil des Romans angesiedelt ist, treffen Obinze und die „Americanah“ Ifemelu – wie Rückkehrende aus Amerika in Nigeria genannt werden – schließlich wieder aufeinander und müssen sich mit ihrer gemeinsamen, nie abgeschlossenen Vergangenheit auseinandersetzen.

„Draußen war es, als würde er Dampf einatmen; ihm wurde ein wenig schwindlig. Eine neue Traurigkeit hüllte ihn ein, die Traurigkeit der bevorstehenden Tage, wenn seine Welt aus dem Gleichgewicht geraten und sein Blick verschwommen wäre.“

Adichies dritter Roman erzählt nicht nur die große Liebesgeschichte von Ifemelu und Obinze, die sich über drei Kontinente erstreckt, sondern verhandelt außerdem Migrationsperspektiven auf authentische und vielschichtige Weise. Amerika und Europa, die im Roman als Sehnsuchtsorte junger Nigerianer*innen dargestellt werden, sind verbunden mit Hoffnungen und Träumen, die in der Realität nicht erfüllt werden können. Sowohl Obinze als auch Ifemelu kehren letztlich zurück in ihre Heimat, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Obinze und Ifemelu sind sehr gegensätzliche Charaktere, gleichzeitig kämpfen beide mit ähnlichen Schwierigkeiten, mit denen sie jedoch auf unterschiedliche Weise umgehen. Auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit fern ihrer Heimat, werden sie mit den eigenen Hoffnungen und Träumen konfrontiert, die sie auf ein fremdes Land projiziert haben. Der desillusionierte Obinze sieht seine Rückkehr nach Nigeria als Niederlage an, während Ifemelu aus eigenem Antrieb nach Hause zurückkehrt. Zugleich erkennen beide im Laufe des Romans, dass ein Land allein nicht identitätsstiftend ist und man sich sowohl in der Heimat als auch anderswo alleine und fremd fühlen kann.

„In Amerika entscheidest nicht du, welche Rasse du bist. Es wird für dich entschieden.“

Neben Identität und Zugehörigkeit ist Rassismus das den Roman prägendste Thema. Sowohl Ifemelu als auch Obinze sehen sich Vorurteilen und mal verstecktem, mal offen gezeigtem Rassismus ausgesetzt. Die Rassismus-Erfahrungen der beiden Protagonist*innen schildert die Autorin, die in dem Werk auch eigene Erfahrungen verarbeitet, in klaren, unverblümten Worten, die häufig einen ironischen Unterton aufweisen und so zum Nachdenken anregen. Dies wird besonders deutlich in Ifemelus Blogbeiträgen, die in die Romanhandlung eingearbeitet sind. Auf ihrem Blog „Raceteenth oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“ reflektiert Ifemelu überaus scharfzüngig und humorvoll ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Der offenkundige Humor nimmt den Worten zwar ihre Schärfe, nicht jedoch ihre schonungslose Ehrlichkeit.

„Americanah“ zeichnet eine große, moderne Liebesgeschichte, die sich über mehrere Kontinente und viele Jahre erstreckt. Mit klaren und treffenden Worten verhandelt die Autorin gleichzeitig aktuelle und wichtige Themen wie Identität, Zugehörigkeit und Rassismus. Dabei zeigt sie auf intelligente Weise und mit viel beißendem Witz, aber ohne erhobenen Zeigefinger gesellschaftliche Probleme auf und regt so auch noch lange nach dem Lesen zum Nachdenken und Diskutieren an.

Für alle, die noch nicht genug kriegen können: Der Film „Eyimofe“ von den aus Nigeria stammenden Geschwistern Arie und Chuko Esiri verhandelt mit Herkunft, Geschlecht und Migrationsperspektiven ähnliche Themen wie „Americanah“. Hier ist es insbesondere Europa, das zum Sehnsuchtsort der jungen Protagonist*innen stilisiert wird, gleichzeitig ist der Film eine Liebeserklärung an das bunte und lebhafte Lagos. Wer mehr über den Film erfahren möchte, findet hier ein tolles Q&A mit den beiden Regisseuren, die mit „Eyimofe“ ihr Regiedebüt gegeben haben.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Übersetzung: Anette Gruber.
S. Fischer.
608 Seiten, 14 Euro.
ISBN-13: 978-3-596-18598-6

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