Celeste Ng: Kleine Feuer überall

„In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte.“

Rezension: Kleine Feuer überall.

Die wohlhabenden Bewohner*innen von Shaker Heights, einem beschaulichen Vorort von Cleveland, leben ein (vermeintlich) glückliches und vor allem klar geregeltes Leben. Vom Außenanstrich der Häuser über die Rasenlänge bis hin zum Alltagsleben der Bewohner*innen: „In Shaker Heights gab es für alles einen Plan.“ In dieser sorgfältig durchgeplanten Scheinidylle prallen die Lebensentwürfe zweier Familien aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Elena Richardson, selbst in Shaker Heights geboren und aufgewachsen, lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern das perfekte Vorstadtleben, das ganz im Sinne von Shaker Heights durchgeplant ist. Ein perfektes Haus, Arbeit für die Lokalzeitung, Buchclub, Sex immer mittwochs und samstags. Die Kinder sind beliebt und ambitioniert, nur die jüngste Tochter schlägt aus der Art. Izzy ist die Rebellin der Familie und eckt regelmäßig an – nicht nur in der Schule, sondern insbesondere bei ihrer Mutter.

Als privilegierte Shaker Heights Bewohnerin engagiert sich Elena gerne wohltätig, weshalb sie die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und deren Tochter Pearl günstig als Mieterinnen aufnimmt. Die unkonventionelle Mia, die eine begnadete Fotografin ist, hält es nie lange an einem Ort und so ziehen sie und ihre Tochter Pearl von Stadt zu Stadt. Doch nun wollen sie in Shaker Heights sesshaft werden. Die kluge Pearl freundet sich schnell mit den drei ältesten Kindern der Richardsons an und verbringt die meiste Zeit mit ihnen. Elenas jüngste Tochter Izzy auf der anderen Seite fühlt sich magisch angezogen von Mia, ihrem unkonventionellen Lebensstil und vor allem deren aufrichtigem Interesse an der Teenagerin. Die so unterschiedlichen Welten der beiden Familien vermischen sich immer mehr, die Katastrophe, die bereits im ersten Satz des Buches vorweggenommen wird, ist vorprogrammiert. Das Haus der Richardsons brennt ab – im ganzen Haus wurden kleine Feuer gelegt. Das Idyll fällt in sich zusammen. Zurück bleibt Asche und Rauch.

„Vergiss nicht, manchmal muss man alles abbrennen und von vorn anfangen. Nach dem Brand ist die Erde fruchtbarer, und Neues kann wachsen. Genauso ist es bei den Menschen. Sie fangen von vorne an. Sie finden einen Weg.“

Nach ihrem fulminanten Debüt „Was ich euch nicht erzählte“ hat Celeste Ng mit „Kleine Feuer überall“ einen nicht weniger eindrucksvollen Roman nachgelegt. Ng beginnt ihren Roman mit der Katastrophe, in der die Geschichte schließlich mündet: dem brennenden Haus der Richardsons. Rückblickend wird dann in gewohnt ruhigen Tönen aufgedeckt, wie es zu dem Brand kommt. Der Roman ist dabei nicht nur eine Familiengeschichte, sondern insbesondere auch eine Geschichte über Entscheidungen und dass diese nicht nur das eigene, sondern auch immer andere Leben beeinflussen.

„Die meisten Menschen verdienen eine zweite Chance. Wir haben alle Dinge getan, die wir bereuen. Die tragen wir immer mit uns herum.“

Mit „Kleine Feuer überall“ erzählt Ng, die selbst in Shaker Heights aufgewachsen ist, eine vielschichtige Familiengeschichte mit starken und komplexen Figuren. Wie bereits in ihrem Erstlingswerk legt sie dabei besonderes Augenmerk auf zwischenmenschliche Beziehungen und die Dynamiken zwischen den Charakteren. Die titelgebenden „kleinen Feuer“ glimmen im wahrsten Sinne überall, nicht nur im Haus der Richardsons, sondern auch in den Charakteren selbst, die differenziert und einfühlsam gezeichnet sind. Dabei arbeitet Ng die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven der Figuren so heraus, dass deren Entscheidungen und Sichtweisen letztlich immer nachvollziehbar sind.

„Wie sollte man jemandem erklären – wie sollte man einem Kind, einem geliebten Kind erklären – dass es einen Menschen bewunderte, dem nicht zu trauen war?“

Neben den wichtigen Themen Herkunft, Rassismus und Klassenunterschiede rückt Ng ein Thema ganz besonders in den Fokus: Mutterschaft in all ihren Facetten. Feinfühlig beleuchtet die Autorin, was es bedeutet, eine gute Mutter zu sein. Mit Elena und Mia stellt sie zwei absolut gegensätzliche Charaktere einander gegenüber, die sich auch in ihrem Verständnis von Mutterschaft unterscheiden. Doch dabei wertet Ng niemals, sie erweist sich vielmehr als überaus genaue und einfühlsame Beobachterin, die den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Charaktere Raum gibt.

Celeste Ngs zweiter Roman „Kleine Feuer überall“ steht ihrem Erstlingswerk in nichts nach und erweist sich als vielschichtige, einfühlsame Familiengeschichte, die insbesondere durch starke und komplex gezeichnete Figuren überzeugt. Gleichzeitig verhandelt die Autorin wichtige und aktuelle Themen wie Mutterschaft, Klassenunterschiede sowie Alltagsrassismus. Dabei bleibt sie stets die respektvolle, bedachte und feinfühlige Beobachterin und macht deutlich, dass eine Geschichte niemals nur eine Seite hat.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall (Little Fires Everywhere)
Übersetzung: Brigitte Jakobeit.
dtv Verlagsgesellschaft
384 Seiten. 21 Euro.
ISBN-13 : 978-3423281560

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